Die Bau- und Immobilienbranche steht vor einem der größten Umbrüche ihrer Geschichte. Während der Gebäudesektor für enorme Mengen an Ressourcenverbrauch, CO₂-Emissionen und Abfall verantwortlich ist, zeigt sich gleichzeitig eine riesige Chance: Der urbane Gebäudebestand ist eine Rohstoffquelle der Zukunft. Doch um diese Potenziale zu heben, braucht es eines – digitale Transparenz.
Genau hier setzt SUM4RE an, ein von der Europäischen Kommission gefördertes Leuchtturmprojekt, das seit 2024 den Weg für Europas Materialkreisläufe bereitet. Und CircularLCA ist mittendrin.
Was ist SUM4RE – und warum ist es so wichtig?
SUM4RE („Creating materials banks from digital urban mining“) verfolgt ein klares Ziel: Gebäude sollen nicht mehr als Einwegprodukte betrachtet werden, sondern als wertvolle Materiallager, deren Ressourcen digital erfasst, bewertet und für zukünftige Nutzung gesichert werden.
Das Projekt vereint 17 Partner aus neun Ländern – Universitäten, Forschungseinrichtungen, Technologieanbieter und Industrieakteure –, um die bislang getrennten Welten von Urban Mining, BIM, Datenerfassung und digitalen Produktpässen zusammenzuführen.
Das Ergebnis soll eine Blaupause für Europa sein: digitale Materialbanken, die es ermöglichen, Bauteile systematisch wiederzuverwenden, Umweltwirkungen zu reduzieren und Kreisläufe in der Praxis zu schließen.
CircularLCA als Softwarepartner: Wir bauen die digitale Infrastruktur
CircularLCA gehört zu den drei Softwarepartnern im Projekt – und übernimmt eine Schlüsselrolle bei der technischen Umsetzung. Unsere Mission: die digitale Infrastruktur liefern, die eine zirkuläre Bauwirtschaft überhaupt erst skalierbar macht.
1. Europäische Datenbanken intelligent integrieren
Vernetzte Daten sind die Grundlage jeder zirkulären Entscheidung. Deshalb entwickeln wir Schnittstellen zwischen mehreren europäischen Anwenderplattformen, welche zeigen sollen, wie internationale Zusammenarbeit über mehrere Datenbanken und Tools funktionieren kann.
Damit können Materialbewertungen, CO₂-Analysen und Umweltindikatoren automatisiert berechnet werden – für Neubau, Sanierung und Rückbau.
2. Circular BIM (CBIM): BIM erweitert um echte Zirkularität
Heute bildet BIM vor allem Geometrie und Planung ab. Wir arbeiten daran, dass BIM künftig auch die zirkulären Eigenschaften eines Gebäudes enthält:
- Wiederverwendbarkeit
- Materialherkunft
- Schadstoffinformationen
- Verbaute Mengen & Verbindungen
- Demontierbarkeit
Das bringt Planung, Rückbau und Materialbanken erstmals in ein gemeinsames Datenmodell. Diese Informationen fußen unter anderem auf unserer mehrjährigen Erfahrung mit Pre-Deconstruction Audits und damit auf der DIN Spec 91484.
3. Anbindung an Digital Product Passports (DPP) & Digital Material Passports (DMP)
Die EU-Regulatorik macht DPPs schon bald verpflichtend. Mit SUM4RE bereiten wir die technische Integration vor:
Daten aus DPPs fließen nahtlos in CircularLCA; Bauteile erhalten digitale Identitäten; Wiederverwendung wird überprüfbar und dokumentierbar.
Besonders die Verknüpfung von Produkt / Material und Projekt bietet hier viele Vorteile, da so eine reale Kreislaufwirtschaft auch über mehrere Projekte abgebildet werden kann.
4. Durchgängige digitale Wiederverwendungsprozesse
Gemeinsam mit unseren Partnern – u. a. Blockmaterials (Cirdax) und Tecnalia (GenIA) – entwickeln wir den Prozess vom Scan des Gebäudes bis zur Materialbank:
- Erfassung auf der Baustelle (z. B. durch Mixed-Reality-Daten)
- Automatische Materialidentifikation
- Übertragung in CBIM
- Bewertung in CircularLCA
- Bereitstellung für Materialbörsen
Damit entsteht ein digitaler Kreislauf, der Wiederverwendung nicht nur möglich macht, sondern wirtschaftlich sinnvoll.
Pilotprojekte: Zirkularität unter realen Bedingungen testen
Theorie ist gut – Praxis entscheidet.
Deshalb demonstriert SUM4RE seine Ergebnisse in drei realen Pilotprojekten:
- Spanien (San Sebastian) – Bestandsgebäude mit gemischter Nutzung
- Niederlande (Den Haag) – urbane Pilotregion mit Fokus auf Komponentenwiederverwendung
- Norwegen (Svalbard) – extreme klimatische Bedingungen als Stresstest für digitale Systeme
Für alle Pilotstandorte entwickelt CircularLCA gemeinsam mit Concular und Blockmaterials Urban-Mining-Konzepte, die datengestützt zeigen:
Welche Bauteile lassen sich zurückgewinnen?
Welche Umweltwirkung entsteht?
Wie groß ist das Wiederverwendungspotenzial?
Warum SUM4RE die Branche verändern kann
SUM4RE setzt neue Maßstäbe für die zirkuläre Bauwirtschaft in Europa, weil es erstmals alle relevanten Bausteine verknüpft:
- Präzise Materialdaten
- Digitale Produktpässe
- Zukunftsfähige BIM-Modelle
- Automatisierte Datenerfassung
- Praktische Wiederverwendungsszenarien
- Europäische Skalierbarkeit
Für CircularLCA bedeutet das einen enormen Fortschritt: Unsere Plattform wird zu einem zentralen Werkzeug für alle Akteure, die CO₂-Daten, Materialflüsse und Wiederverwendung effizient managen wollen – heute und im europäischen Kontext von morgen.
Die digitale Materialwende hat begonnen
Mit SUM4RE entsteht gerade eine Infrastruktur, die den Weg ebnet für eine Bauwirtschaft, in der Rohstoffe nicht verloren gehen – sondern im Kreislauf bleiben. CircularLCA trägt dazu bei, diese Vision technisch Realität werden zu lassen.
2025 und 2026 werden entscheidend: Dann fließen die ersten Ergebnisse aus den Pilotprojekten ein, CBIM erreicht den Praxistest, und die Integration von DPPs wird zur europäischen Pflicht.
Wir freuen uns darauf, diese Entwicklung aktiv mitzugestalten – und sie gemeinsam mit unseren Partnern und der Branche zu beschleunigen.