Wenn man Ann-Kathrin Goerke – in der Branche und im Team meist einfach Anki genannt – gegenübersteht und sie über das Bauen sprechen hört, spürt man sofort eine tief verwurzelte Überzeugung. Bei Concular steht sie an der Schnittstelle zwischen der traditionellen Architekturpraxis und den Anforderungen einer zirkulären Zukunft. Als Expertin für für Zirkuläre Planung in LP 0-9 versteht sie sich selbst vor allem als eine Art Vermittlerin: „Ich sehe mich oft als Übersetzerin zwischen der alten und der neuen Welt“, erklärt sie.

Sie kennt die Sprachwelt beider Seiten. Auf der einen Seite steht die gelernte Praxis mit den festen Zwängen von HOAI-Leistungsphasen, Tragwerksplanung und strikten Kostenstrukturen. Auf der anderen Seite steht die Dringlichkeit, die Bauwirtschaft als größten Hebel im Kampf gegen den Klimawandel neu zu denken. Als studierte Architektin (M.Sc. HFT Stuttgart), DGNB Auditorin und Consultant, Ökobilanzierungs-Expertin sowie ESG Managerin bringt Anki genau das nötige Rüstzeug mit, um beide Welten zusammenzubringen.

Prägung im Holzhaus und Wendepunkt in der Praxis

Das Fundament für ihre Haltung wurde dabei schon in ihrer Kindheit gelegt. Anki wuchs in einem ökologischen Holzfachwerkhaus mit Lehmbauelementen und Holzwolleplatten auf, das ihr Vater 1990 vorausschauend entworfen hatte. Schon als Kind baute sie gemeinsam mit ihm Stampflehmwände für Bienenunterstände und erlebte den selbstverständlichen Umgang mit natürlichen Baustoffen.

Im Architekturstudium stellte sie jedoch fest, dass diese Haltung in der klassischen Ausbildung kaum eine Rolle spielte. „Damals fokussierte sich klimagerechtes Bauen fast ausschließlich auf die operative Energieeffizienz im Gebäudebetrieb“, erinnert sie sich. Die enormen Mengen an grauer Energie und Ressourcen, die in der Konstruktion gebunden sind, blieben unberücksichtigt.

Nach ihrem Masterabschluss arbeitete Anki vier Jahre lang in einem Stuttgarter Architekturbüro und betreute Großprojekte von Leistungsphase 1 bis 9. „Ich habe mir irgendwann die Baustellenfotos meiner bisherigen Projekte angesehen: Unmengen an Stahlbeton und Verpackungsmüll. Der Gebäudelebenszyklus oder die tatsächliche graue Energie wurden damals überhaupt nicht betrachtet.“

Der persönliche Wendepunkt folgte im Jahr 2019. Während Anki tagsüber an großen Stahlbetonbauten plante, engagierte sie sich in ihrer Freizeit in der aufkommenden Klimabewegung. Die Diskrepanz zwischen der täglichen Baupraxis und den Klimazielen spitzte sich immer weiter zu. „Da habe ich gemerkt, dass ich voll vom Pfad abgekommen war und sich grundlegend etwas ändern muss“, blickt sie heute zurück. Sie zog die Konsequenzen, bildete sich intensiv im Bereich Nachhaltigkeit weiter, erforschte Myzelbaustoffe als nachwachsende Materialalternative und fand schließlich bei Concular die passende Plattform, um an der Transformation des Bausektors mitzuwirken.

Zirkuläre Fachplanung von Leistungsphase 0 bis 10

Ein zentrales Thema, das Anki bei Concular vorantreibt, ist die Zirkuläre Fachplanung. Bislang wurde zirkuläres Bauen am Markt meist nur als punktuelle Beratung verstanden. Anki und das Team von Concular etablieren es jedoch als eigenständige, durchgängige Disziplin über alle Leistungsphasen hinweg – von LPH 0 bis 9.

Besonders die Leistungsphase 0 liegt Anki dabei am Herzen. „Wenn wir ganz am Anfang ansetzen, können wir mit einem einzigen Gespräch den gesamten Projektverlauf verändern“, erklärt sie. Noch bevor ein Abbruch beschlossen wird, prüft Concular die Erhaltungsfähigkeit des Bestands durch Suffizienzanalysen und Bestandserhaltsprüfungen. Oft lässt sich so der Komplettabbruch vermeiden und immenser Erd- und Rohbauaufwand einsparen. Zudem werden bereits in LP 0 die Leistungsbilder für die Projektsteuerung und weiteren Fachplaner:innen zirkulär aufgesetzt. Wer das Thema Nachhaltigkeit erst spät einbringt, muss später mit drastisch höheren Kosten und Aufwänden rechnen. Auch das Material-Matchmaking zieht Concular weit nach vorne, um Rückbauobjekte zeitnah mit Neubauvorhaben zu verknüpfen.

Ankis Arbeit in der Projektkonzeption verbindet diese strategische Vorarbeit direkt mit den digitalen und physischen Werkzeugen von Concular. Eigene Software-Lösungen für Pre-Deconstruction Audits und Materialpässe ermöglichen die Erfassung von Materialströmen. Typische Bedenken der Bauherrschaft lösen Anki und ihr Team direkt in den Erstgesprächen auf: „Früher kamen immer sofort die Fragen nach Gewährleistung, Montagehaftung oder Zwischenlagerung. Das haben wir mittlerweile strukturell gelöst – etwa durch unsere Versicherungskooperation mit der VHV und unser Netzwerk an Urban Mining Hubs.“

Systemische Hürden und neue Anreize im Planungsalltag

Ein weiteres Anliegen ist ihr die Auflösung systemischer Hürden im Planungsalltag. Traditionell orientiert sich das Honorar von Fachplanenden an den anrechenbaren Baukosten. Wenn Tragwerksplanende nachweisen, dass ein Bestandsgebäude stehen bleiben kann und somit teure Neubau-Konstruktionen entfallen, sinken die Baukosten – und damit paradoxerweise sein eigenes Honorar. „Wir helfen dabei, diese Interessenskonflikte aufzulösen, indem wir zirkuläre Kriterien und angepasste Leistungsstrukturen in die Verträge integrieren, sodass ressourcenschonendes Planen belohnt wird“, führt Anki aus.

Exponentieller Wandel und der Countdown bis 2028

Wenn Ann-Kathrin an die Zukunft der Baubranche denkt, wird sie trotz aller Herausforderungen optimistisch. „Ich habe das Gefühl, dass die Entwicklung in Richtung Wiederverwendung und Zirkularität aktuell nicht nur linear, sondern fast schon exponentiell verläuft“, erzählt sie. Immer mehr Projektbeteiligte und Herstellende melden sich von sich aus bei Concular, weil sie Materialien nicht mehr verschwenden wollen.

Gleichzeitig verweist sie auf den gesetzlichen Druck, der in den nächsten Jahren entsteht: Ab dem 1. Januar 2028 treten weitreichende Verpflichtungen zur Ökobilanzierung (LCA) im Bauwesen in Kraft. Für Anki läuft damit der Countdown für die gesamte Branche. „Aktuell befinden wir uns in einer Trainingsphase. Bis 2028 müssen alle Beteiligten gelernt haben, mit grauer Energie und Zirkularität zu planen. Wer jetzt nicht aufwacht, wird den Anschluss verlieren.“

Zusätzlich plädiert Anki leidenschaftlich dafür, die Kreislaufwirtschaft als Chance für den Standort Deutschland zu begreifen. Während im Energiesektor viele Produktionsketten ins Ausland gewandert sind, bietet das zirkuläre Bauen die Chance, die Wertschöpfung lokal zu halten, das regionale Handwerk einzubinden und Rohstoffunabhängigkeit zu sichern. Ankis tägliche Arbeit zeigt: Wenn man die Akteure der Baupraxis mit Fachexpertise, Empathie und den richtigen Werkzeugen abholt, verwandelt sich zirkuläres Bauen in ein praxistaugliches neues Normal.