1. Warum ist Berlin TXL ein Leuchtturm für zirkuläres Bauen?
Die Berlin TXL Management GmbH transformiert den ehemaligen Flughafen Tegel im Rahmen des Projektes Berlin TXL in die „Urban Tech Republic“ und das „Schumacher Quartier“. Dieses Vorhaben gilt als eines der innovativsten nationalen Projekte für Urban Mining und zirkuläres Bauen. Es demonstriert, wie moderne Stadtentwicklung Ressourcen schont, anstatt sie durch linearen Abbruch zu verschwenden. Concular begleitet diesen Transformationsprozess als strategischer Partner für die intelligente Wiederverwendung von Baumaterialien.
Hintergrund dieser Entwicklung ist der globale Klimawandel: Der Bausektor verursacht rund 40 % der weltweiten CO2-Emissionen und 60 % des gesamten Abfallaufkommens. Davon entfallen allein 20 % der globalen Emissionen auf die Herstellung der Baumaterialien. Großprojekte wie Berlin TXL nutzen daher eine standardisierte CO₂-Bilanzierung im Bau, um mittels Urban Mining graue Energie systematisch zu sichern und Materialkreisläufe messbar zu schließen.
2. Was ist Urban Mining im Bauwesen und wie funktioniert es?
Urban Mining im Bauwesen ist die systematische Erfassung, Aufbereitung und Rückführung bestehender Gebäuderessourcen als anthropogenes Rohstofflager für zukünftige Bauvorhaben. Anstatt Baumaterialien wie Ziegel, Türen oder Leuchten beim Abbruch zu zerstören, wird ihre Werthaltigkeit erhalten, um Primärrohstoffe und CO₂-Emissionen einzusparen.
Das Fundament des Urban Mining bildet die Kreislaufwirtschaft. Sie ist per Definition restaurativ sowie regenerativ und zielt darauf ab, dass Produkte, Komponenten und Materialien jederzeit ihren höchsten Nutzen und funktionellen Wert behalten. Der Prozess nach DIN SPEC 91484 analysiert bauliche Anlagen dafür auf fünf hierarchischen Betrachtungsebenen:
- Gebäude (höchstmögliche Untersuchungsebene)
- Bauteil (z. B. Außenwand)
- Bauelement (z. B. Konstruktionsschicht)
- Komponente (z. B. Holzwerkstoffplatte)
- Material (z. B. Holz als Rohstoff)
3. Was regelt die DIN SPEC 91484 bei der Bestandserfassung?
Um Zirkularität skalierbar zu machen, nutzt Concular das Pre-Deconstruction-Audit – im Standard exakt als Pre-Deconstruction-Audit (PDA) bezeichnet – nach dem wegweisenden Standard DIN SPEC 91484. Dieses Verfahren legt ein standardisiertes Verfahren zur Erfassung von Bauprodukten vor Abbruch- und Renovierungsarbeiten fest, um allen Akteuren entlang der Wertschöpfungskette eine ausreichende und einheitliche Datentiefe zu garantieren. Concular hat wesentlich an seiner Entwicklung mitgewirkt und den erprobten Prozess der Digitalisierung zur Verfügung gestellt.
Das übergeordnete Ziel ist die Ermittlung des Potentials für eine hochwertige Anschlussnutzung. Darunter versteht die Norm eine Verwertung, bei der entweder die im Wertschöpfungsprozess generierte Gestalt des Bauprodukts erhalten bleibt oder das Gebrauchtmaterial so aufbereitet wird, dass ein neues Bauprodukt auf der gleichen Qualitätsstufe und mit vergleichbarer Funktion entsteht. Die DIN SPEC 91484 definiert hierfür eine strikte qualitative Hierarchie:
- Vermeidung (Erhalt der Bausubstanz vor Ort)
- Wiederverwendung (Einsatz für den ursprünglichen Zweck mit gleicher Funktion ohne Qualitätsverlust, entweder im selben oder einem neuen Vorhaben)
- Weiterverwendung (Nutzung für einen anderen Zweck, in der Regel nach einem Aufbereitungsprozess)
- Wiederverwertung (Stoffliches Recycling auf gleicher Qualitätsstufe)
4. Wie läuft das Pre-Deconstruction-Audit (PDA) ab?
Der Weg vom Bestand zum Zirkularitäts-Asset folgt einer klaren, normativen Prozesslogik in Anlehnung an das offizielle Ablaufdiagramm der DIN SPEC:
Phase 0 – Festlegung des Rückbauumfangs
Vor Beginn des Audits wird der Rückbauumfang der betroffenen baulichen Anlagen exakt definiert, um den physischen Untersuchungsrahmen abzustecken.
Phase 1 – PDA Stufe 1 (Vorprüfung)
Das Ziel von Stufe 1 ist die Identifikation von Bauprodukten mit grundsätzlichem Anschlussnutzungspotential. Nach der allgemeinen Informationsbeschaffung (Sichtung von Statik, Plänen, Schadstoffberichten) erfolgt eine objektorientierte Begehung.
Hierbei müssen einmalig die Grundlegenden Informationen des Gebäudes erfasst werden:
- Bauwerkskategorie und Nutzungsart (gemäß HOAI Anlage 10.2)
- Bauweise/Bauart (Monolithisch, Fertigteil- oder Mischbauweise)
- Baujahr, Gebäudeklasse (nach MBO § 2), BRI (nach DIN 277) und BGF (nach DIN 277)
- Nutzungsgeschichte und Informationen über vergangene Umbaumaßnahmen
Für jedes einzelne Bauprodukt fordert die DIN SPEC in Stufe 1 folgende Pflichtangaben („Muss“):
- Bezeichnung, Menge, Einheit und funktionelle Zuordnung (Gebäudehülle, Tragstruktur, TGA oder Ausbauteile)
- Geometrische Verortung (BIM-Schnittstelle, GIS oder koordinatenbezogene 2D-Zeichnung)
- Abmessungen (Höhe, Breite, Länge in mm) und Hersteller
- Grobe Einschätzung der Verbindungsarten und offenkundiger Schadstoffverdacht
- Ergebnis: Potenzial für hochwertige Anschlussnutzung (Ja / Nein / Keine abschließende Bewertung möglich)
Phase 2 – Ausschreibung von HOAI-Leistungen & Mitwirkung
Auf Basis der Vorprüfung wird die Rückbaustudie initiiert. Der Auftraggeber ist hierbei normativ verpflichtet, alle Bestandsunterlagen und Pläne vollständig bereitzustellen, um die detaillierte Datenaufnahme zu ermöglichen. Die ReUse-Daten fließen direkt in die Ausschreibungstexte für Fachplaner nach HOAI ein.
Phase 3 – Detaillierte Rückbaustudie und Einbindung von Fachgutachten
Für die tiefe Prüfung in Stufe 2 müssen je nach Material spezifische Fachgutachten durchgeführt werden. Die DIN SPEC 91484 benennt dafür exemplarisch folgende Akteure:
- Schadstoffgutachter: Untersuchung auf Gefahrstoffe nach GefStoffV/BiostoffV, zum Beispiel Asbest in Leitungsdämmungen.
- Objekt- und Fachplaner / Bauproduktprüfer: Technische Prüfung der Wiederverwendbarkeit von Bestandsbauteilen, zum Beispiel Tragfähigkeitsprüfungen von Betonbauteilen.
- Hersteller und Zertifizierer: Technische Re-Use-Prüfung von TGA-Großkomponenten wie Kältemaschinen oder Lüftungsgeräte sowie Prüfung der Rezertifizierbarkeit für Gewährleistungsansprüche.
Phase 4 – PDA Stufe 2 (Detailprüfung)
In der Detailprüfung werden die Datenfelder pro Bauprodukt finalisiert. Neben Produktionsjahr und bestehenden Unterlagen (CE- oder Ü-Kennzeichnungen) verlangt die Norm zwingend folgende Angaben („Muss“):
- Verbindungsart (gemäß DGNB-Gebäuderessourcenpass)
- Demontierbarkeit (gemäß DGNB-Gebäuderessourcenpass)
Die Auswertung erfolgt individuell: Jede Prüfung beginnt mit der Annahme des höchsten Wertschöpfungspotentials (Vermeidung). Erst wenn die Voraussetzungen dafür nachweislich nicht erfüllt sind, wird die nächste Stufe der Hierarchie betrachtet.
5. Wie sichert Urban Mining die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung und CO₂-Bilanzierung?
Nachhaltigkeit im Bau ist in Berlin TXL kein Selbstzweck, sondern folgt einer konsequenten Wirtschaftlichkeitsbetrachtung. Damit die im Audit erfassten Materialien erfolgreich vermittelt werden können, müssen die Daten am Ende in zwei standardisierten Ausgabeformen als Ergebnis-Dokumentation vorliegen:
- Strukturiert und maschinenlesbar: Ein rein digitales Datenformat, das den direkten Software-Austausch über offene Standards wie CSV, XML oder JSON erlaubt und direkt in Materialdatenbanken eingelesen werden kann.
- Menschen-lesbar: Eine strukturierte Zusammenfassung (z. B. als PDF), die als Entscheidungsvorlage für Bauherren, Investoren und Genehmigungsbehörden dient.
Erst diese saubere Dokumentation ermöglicht eine valide kaufmännische Bewertung. Durch die Kopplung von verifizierten ReUse-Mengen mit ökologischen Datensätzen lassen sich CO₂-Einsparungen exakt beziffern und in Form von CO₂-Schattenpreisen in die Projektkalkulation einbinden. Das schafft einen messbaren wirtschaftlichen Gegenwert und sichert die Marktfähigkeit der rückgewonnenen Komponenten gegenüber Neuprodukten.
6. Welche Grundanforderungen müssen digitale Audit-Tools erfüllen?
Berlin TXL beweist: Zirkuläres Bauen ist durch digitale Tools planbar und effizient geworden. Um die Anforderungen in der harten Baupraxis umzusetzen, müssen softwarebasierte Audit-Tools spezifische Grundanforderungen erfüllen:
- Praxistauglichkeit vor Ort: Volle Nutzbarkeit auf mobilen Endgeräten (Tablets/Smartphones) direkt auf der Baustelle.
- Datengestützte Verortung: Schnittstellen zu BIM-Modellen (3D), GIS oder Zeichnungsviewern.
- Integrierte Quality Gates: Automatische Software-Reaktionen, die den Nutzer über unvollständige Datensätze informieren (z. B. via Prozentbalken bei Pflichtfeldern).
- Sicherheit: Ein präzises Zugangsberechtigungssystem für den sensiblen Umgang mit Gebäudedaten.
Durch die Standardisierung via DIN SPEC 91484 und den Einsatz intelligenter Erfassungstools wird Urban Mining von der ökologischen Nische zum skalierbaren wirtschaftlichen Asset für zukunftsfähige Großprojekte.