Wer mit Christina Freese über das Bauen spricht, spürt schnell eine angenehme Mischung aus tief sitzendem Idealismus und unaufgeregter Bodenständigkeit. Als Projektleiterin bei Concular begleitet sie zirkuläre Bauvorhaben von den allerersten Strategieüberlegungen in Leistungsphase 0 bis hin zur konkreten Umsetzung.. Dabei versteht sie sich vor allem als Connector und Ermöglicherin: Sie bringt Bauherrschaft Architekt:innen und Fachplaner:innen an einen Tisch, löst Interessenskonflikte und sorgt dafür, dass aus nachhaltigen Ambitionen tragfähige, wirtschaftliche Bauprojekte werden.

Der Weg zur zirkulären Architektur

Ein roter Faden zog sich schon früh durch Christinas Werdegang. Ursprünglich begann sie ein Studium in der Entwicklungshilfe, bemerkte dort jedoch schnell, dass ihr ein konkretes, greifbares Betätigungsfeld fehlte. „Häuser und das Wohnen sind essentielle Grundbedürfnisse“, erinnert sie sich. „Ich wollte breiter aufgestellt sein und habe mich deshalb für ein Architekturstudium entschieden, um von Anfang an den Fokus auf das nachhaltige Bauen zu legen.“

Ihre ersten Schritte in der Praxis führten sie unter anderem zu einem klassischen Generalplaner – eine Erfahrung, die ihren weiteren Weg entscheidend prägte. „Ich habe sehr schnell gemerkt, dass ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren kann, einfach nur schnell und möglichst günstig konventionell zu bauen. Das war der Moment, in dem mir klar wurde: Ich möchte nicht als ‚normale‘ Architektin arbeiten, sondern aktiv etwas an den Prozessen der Branche verändern.“

Ihre Fachkompetenz vertiefte sie im Masterstudium in Graz, wo sie sich in ihrer Abschlussarbeit auf die Wiederverwendung von Holz-Beton-Verbunddecken spezialisierte. Nach einer Station bei einem auf Nachhaltigkeitszertifizierungen und Re-Use spezialisierten Beratungsunternehmen fand sie schließlich ihren Platz bei Concular. Als ausgebildete DGNB Consultant und Auditorin bringt sie fundiertes Fachwissen mit, um Zirkularität auch in komplexen Bewertungssystemen norm- und nachweisgerecht zu verankern.

Ganzheitliche Begleitung und pragmatische Zertifizierung

In ihrer täglichen Arbeit bei Concular deckt Christina das gesamte Spektrum ab – von der Entwicklung zirkulärer Zielbilder ganz zu Beginn eines Vorhabens über Pre-Deconstruction-Audits im Rückbau bis hin zur detaillierten Ökobilanzierung (LCA) und Lebenszykluskostenrechnung (LCC) und der Begleitung von Nachhaltigkeitszertifizierungen.

Für Christina sind Zertifizierungssysteme wie die der DGNB wertvolle Hebel, um Nachhaltigkeit messbar zu machen – solange man den Blick für das Wesentliche behält: „Zertifizierungen geben Projekten klare Benchmarks und schaffen echte Wertsteigerungen für Gebäude. Aber mindestens genauso wichtig wie das Siegel am Ende ist es, einzelne Bausteine daraus ganz unterschwellig und pragmatisch in Projekte einzubringen.”

Ihre besondere Stärke liegt dabei in ihrer unvoreingenommenen Herangehensweise und in ihrer Fähigkeit, schnell und nachhaltig Motivation aus Aufgaben zu schöpfen. „Ich kann aus fast jeder Projektsituation Kraft ziehen. Wenn Bauherren bereits vom Nachhaltigkeitsvirus angesteckt sind, begeistert mich das natürlich sofort. Aber auch wenn Skepsis da ist, spornen mich diese Hürden an. Ich liebe es, im Dialog Vorbehalte abzubauen und den gemeinsamen Mehrwert herauszuarbeiten.“

Praxisbeweis Königsbrunn: Ökonomie trifft Ökologie

Eines ihrer prägendsten Projekte bei Concular ist das Forum Königsbrunnen, an dem sie bis heute mit viel Herzblut arbeitet. Hier zeigte sich für sie eindrücklich, welches Potenzial im zirkulären Ansatz steckt: Die öffentliche Hand nutzte eigene Bestandsressourcen aus Rückbauobjekten direkt für das neue Vorhaben wieder. „Königsbrunn hat gezeigt, was passiert, wenn eine Kommune ihre eigenen Gebäude als Rohstofflager begreift. Dadurch wurden nicht nur massiv CO₂ und Ressourcen gespart, sondern durch den Wegfall von langen Transporten und Lagerungen auch echte Kosten reduziert. Es war der bewiesene Nachweis, dass sich Zirkularität auch ökonomisch voll auszahlt.“

Christina betont dabei immer wieder die Bedeutung eines klaren Pragmatismus. Nachhaltiges Bauen dürfe kein starres All-or-Nothing-Dogma sein. „Man kann nicht bei jedem Projekt sofort eine 360-Grad-Wende hinlegen. Man muss das Momentum aufgreifen, das der Kunde mitbringt, und genau schauen, was im Einzelfall sinnvoll und wirtschaftlich machbar ist. Selbst wenn der Bauantrag schon gelaufen ist, kann man auf Ebene der Leistungsverzeichnisse und Detaillösungen noch enorm viel bewirken. Jede kleine Entscheidung pro Zirkularität zählt.“

Digitale Hebel und Wandel von unten

Besonders schätzt sie bei Concular die direkte Verknüpfung von Fachberatung und digitaler Softwareentwicklung. „Es ist essenziell, dass wir bei Ökobilanzen und Materialpässen auf eigene Softwarelösungen setzen. So erkennen wir riesige CO₂-Einsparpotenziale etwa bei den Rohbaukonstruktionen oder der Haustechnik extrem schnell und können dem Kunden glasklar aufzeigen, wo die wirklichen Hebel liegen. Das spart Zeit, Kosten und schafft Transparenz an allen Schnittstellen.“

Auch an ihrem Standort in Nordrhein-Westfalen nimmt Christina eine spürbare Dynamik wahr. Durch Initiativen wie das Circular Valley entwickelt sich die Region zügig zu einem Hotspot für die zirkuläre Transformation. Für die Zukunft wünscht sie sich, dass Zirkularität zunehmend als selbstverständlicher Standard verankert wird – getrieben von engagierten Akteuren aus der Praxis.

„Wir dürfen nicht darauf warten, bis die Politik für alles fertige Richtlinien und Vorlagen liefert“, betont Christina. „Die echte Veränderung kommt von unten, aus den Projekten heraus. Wenn wir in der Praxis zeigen, wie gut zirkuläres Bauen funktioniert, wird der Markt, und am Ende auch der Gesetzgeber, ganz automatisch nachziehen.“