Reuse und Recycling von Baumaterialien unterscheiden sich darin, was vom Bauteil erhalten bleibt: Beim Reuse wird es als Ganzes erneut eingebaut, beim Recycling zu einem Sekundärrohstoff aufbereitet. Welche Option infrage kommt, hängt vom Material, vom Zustand und davon ab, wie das Bauteil verbaut ist.

Dieser Artikel zeigt anhand konkreter Beispiele – viele davon aus Concular-Projekten –, wie Reuse und Recycling für typische Bauteile und Materialien in der Praxis funktionieren. Wie das Recycling von Bauabfällen grundsätzlich abläuft, welche Quoten erreicht werden und wo die Grenzen liegen, erläutern wir im Grundlagenartikel Recycling von Baumaterialien.

Ratgeber-Reihe: Zirkuläres Bauen · Baustoffe wiederverwenden · Wiederverwendbare Baumaterialien · Recycling von Baustoffen

Reuse oder Recycling? Die Faustregel

Das Kreislaufwirtschaftsgesetz gibt eine klare Rangfolge vor: Die Vorbereitung zur Wiederverwendung hat Vorrang vor dem Recycling. Ein wiederverwendetes Bauteil muss nicht neu produziert werden und erhält die graue Energie, die in seiner Herstellung steckt. Für die Praxis bedeutet das:

  • Reuse eignet sich für Bauteile, die zerstörungsfrei ausgebaut werden können, funktionsfähig sind und für die es eine Nachfrage gibt – etwa Türen, Treppen, Leuchten, Heizkörper, Sanitärobjekte oder Doppelböden.
  • Recycling ist die richtige Wahl, wenn ein Bauteil beschädigt, verklebt oder fest verbunden ist oder technisch nicht mehr den Anforderungen entspricht – typischerweise bei Beton, Mauerwerk, Gipskarton oder Bauschutt.
  • Beseitigung bleibt für schadstoffbelastete Materialien, die weder wiederverwendet noch verwertet werden dürfen.

Ausführlich zu Ablauf, Gewährleistung und Wirtschaftlichkeit der Wiederverwendung lesen Sie in unserem Artikel zur Wiederverwendung von Baumaterialien.

Beispiele für Reuse: Bauteile mit zweitem Leben

Türen und Brandschutztüren

Türen gehören zu den am häufigsten wiederverwendeten Bauteilen, weil sie standardisierte Maße haben und sich gut ausbauen lassen. Beim Rückbau eines 2020 errichteten Modulgebäudes am Flughafen Leipzig erfasste und bewertete Concular gemeinsam mit dem Rückbauspezialisten peko rebuilding unter anderem hochwertige Brandschutztüren und Türsysteme für die Wiederverwendung; das Modulgebäude selbst wird an einem neuen Standort wieder aufgebaut. Auch beim zirkulären Umbau eines Bestandsgebäudes in der Französischen Straße in Berlin wurden Brandschutztüren für den Wiedereinsatz gesichert. Bei Brandschutztüren ist vor dem Wiedereinbau zu klären, ob Kennzeichnung und Nachweise den Anforderungen am neuen Einbauort entsprechen.

Doppelböden und Innenausbau

Im selben Berliner Projekt wurden mehr als 5.000 m² Doppelboden mit Echtholzoberfläche digital erfasst, klassifiziert und zurückgebaut, dazu Elemente der technischen Gebäudeausrüstung und hochwertige Büroausstattung. Systemböden, Trennwände und Deckenelemente aus Bürogebäuden sind typische Reuse-Kandidaten, weil sie modular aufgebaut sind und in ähnlichen Nutzungen wieder gebraucht werden.

Treppen und Stahlbauteile

Stahlbauteile lassen sich häufig verschrauben und wieder lösen. Ein Beispiel stammt aus der alten Stadtbücherei an der Gutenbergstraße in Augsburg, die zurückgebaut wird: Staatliches Bauamt Augsburg, Hochschule Augsburg und Concular haben die Materialien gemeinsam begutachtet, erfasst und digitalisiert. Eine stählerne Fluchttreppe aus dem Gebäude wurde von einem Kunden in Eigenleistung abgebaut und in der Oberpfalz neu montiert. Dort dient die Wendeltreppe nun als Zugang zu einer Wohnung im zweiten Obergeschoss.

Wiederverwendete Stahl-Wendeltreppe aus der alten Stadtbücherei Augsburg an der Fassade eines Wohnhauses in der Oberpfalz

Aus demselben Projekt stammen Kellerschacht-Abdeckungen, die in der Nähe des Bodensees in eine Rampe eines Bike-Parks eingebaut wurden – ein Beispiel dafür, dass Bauteile nicht immer in ihrer ursprünglichen Funktion weiterleben müssen.

Holzrampe in einem Bike-Park mit wiederverwendeter Gitterrost-Abdeckung aus einem Kellerschacht

Leuchten, Heizkörper und Gebäudetechnik

Leuchten und Heizkörper sind langlebig und lassen sich nach Prüfung meist problemlos weiterverwenden. Leuchten aus dem ehemaligen Kaufhof in Osnabrück wurden im „Cradle to Cradle Apartment Berlin“ und im Party Studio „Design in Pink“ von urselmann interior neu eingebaut. Heizkörper aus der Corneliusstraße in Düsseldorf hängen heute im Circular Office von urselmann interior, ebenfalls in Düsseldorf. Am Flughafen Leipzig wurden zudem LED-Leuchten, Deckenpaneele sowie Komponenten für Lüftung, Heizung und Klima für den Wiedereinsatz aufbereitet.

Wiederverwendeter weißer Röhrenheizkörper im Circular Office von urselmann interior in Düsseldorf

Sanitärobjekte und Trennwände

Waschbecken, Armaturen und WC-Trennwände lassen sich gut ausbauen und sind in vielen Gebäudetypen gefragt. Sowohl am Flughafen Leipzig als auch beim Umbau der Haupttribüne der Mercedes-Benz Arena in Stuttgart gehörten sie zu den erfassten Reuse-Bauteilen.

Ausstattung, Fassaden- und Ausbauelemente

Für die Fußball-Europameisterschaft 2024 wurden Teile der Haupttribüne der Mercedes-Benz Arena entkernt und abgebrochen. Concular identifizierte im Pre-Deconstruction Audit unter anderem PR-Fassaden, Glas- und Metallgeländer, Türen, Theken, Leuchten, WC-Trennwände, Fenster und die originalen Tribünenstühle. Ein großer Teil davon wurde an externe Abnehmer vermittelt; auf Basis der tatsächlich vermittelten Materialien wurden rund 136,84 t CO2-Äquivalente eingespart. Die roten Stadionsitze stehen heute in Gärten und Innenräumen vom Großraum Stuttgart bis in die Schweiz.

Zwei rote Tribünenstühle aus der Mercedes-Benz Arena Stuttgart, wiederverwendet in einem privaten Treppenhaus

Auch textile Ausstattung kann wiederverwendet werden: Vorhänge aus der Augsburger Stadtbücherei hängen heute in zwei Räumen eines Stuttgarter Gebäudes aus den 1950er-Jahren – auf den vorhandenen Originalschienen und ohne Änderung der Maße. In Augsburg wurden außerdem historische Fliesen, Holzfenster, Zäune, Betonplatten, Türen und Vitrinen erfasst. Nach Angaben des Bauherrn konnten durch das Vorgehen Deponiekosten von 500.000 Euro eingespart werden.

Holzbauteile

Balken, Dielen und Brettschichtholz eignen sich gut für die Wiederverwendung, sofern sie unbehandelt oder schadstoffarm sind und ihre Tragfähigkeit nachgewiesen werden kann. Welche Prüfungen dafür nötig sind, beschreibt unser Artikel zur Wiederverwendung von Holzbauteilen.

Beispiele für Recycling: was aus Baustoffen wird

Beton und Mauerwerk

Mineralischer Bauschutt ist mengenmäßig der wichtigste Recyclingstrom. Laut 14. Monitoring-Bericht Kreislaufwirtschaft Bau wurden 2022 rund 81,7 % des Bauschutts recycelt. Die Recycling-Baustoffe gehen überwiegend in den Straßen- und Erdbau. Ein höherwertiger Weg ist Recycling-Beton: Sortenreiner Betonbruch wird zu rezyklierter Gesteinskörnung aufbereitet und ersetzt in neuem Beton – je nach Typ und Expositionsklasse – bis zu 45 Vol.-% der natürlichen Gesteinskörnung.

Kalksandstein

Kalksandstein lässt sich sortenrein zurückbauen und wieder in der Produktion neuer Steine einsetzen. In einem Projekt in Osnabrück entwickelt Concular dafür gemeinsam mit Kalksandstein-Herstellern einen Kreislauf für Material aus dem Bestand.

Gipskartonplatten

Gipskartonplatten sind beim Ausbau empfindlich und kaum wiederverwendbar, haben aber ein hohes Recyclingpotenzial. Aufbereiteter Recyclinggips kann wieder in der Plattenproduktion eingesetzt werden. Nach Angaben des Bundesverbands der Gipsindustrie entstanden 2024 rund 128.500 Tonnen Recyclinggips, das entspricht gut 22 % der statistisch erfassten Gipsabfälle. Entscheidend ist, dass Gips auf der Baustelle getrennt gesammelt wird; vermischt mit mineralischem Bauschutt stört er dessen Verwertung.

Metalle: Stahl und Aluminium

Metalle lassen sich ohne grundsätzlichen Qualitätsverlust einschmelzen und haben wegen ihres Schrottwerts hohe Recyclingraten. Für Aluminium aus Fenstern und Fassaden organisiert die Initiative Aluminium und Umwelt im Fenster- und Fassadenbau (A|U|F) eine eigene Rücknahme, damit das Material wieder in neue Bauprodukte fließt.700 Tonnen wieder zu neuen Bauprodukten verarbeitet. Fensterbänke aus Aluminium sind ein typisches Beispiel für Bauteile, die beim Ausbau leicht beschädigt werden, sich aber gut recyceln lassen. Intakte Stahlträger oder Treppen sollten dagegen vorrangig wiederverwendet werden.

Flachglas und Fenster

Flachglas aus dem Rückbau gelangt bislang selten zurück in die Floatglasproduktion, weil diese sehr reine Scherben erfordert: Verunreinigungen durch Keramik, Steine und Porzellan dürfen höchstens etwa fünf Gramm je Tonne betragen. Recycelt werden daher vor allem saubere Produktionsreste. Für ausgebaute Kunststofffenster gibt es mit der Initiative Rewindo ein Rücknahmesystem, das PVC-Profile zu Rezyklat für neue Fensterprofile aufbereitet.

Dämmstoffe

Bei Dämmstoffen ist das Baujahr entscheidend. Mineralwolle, die vor 1996 hergestellt wurde, gilt als krebserzeugend und als gefährlicher Abfall; sie darf nicht wieder eingebaut werden und wird in der Regel deponiert. Neuere Mineralwolle mit RAL-Gütezeichen nehmen Hersteller teilweise zur Verwertung zurück. Deckenplatten aus Mineralwolle sind – ähnlich wie Gipskarton – empfindlich im Ausbau, aber grundsätzlich recyclingfähig.

Was erfolgreiche Reuse- und Recycling-Projekte gemeinsam haben

  • Frühe Erfassung: Materialien, Mengen und Zustand werden vor dem Rückbau dokumentiert, idealerweise im Rahmen eines Pre-Deconstruction Audits nach DIN SPEC 91484.
  • Probebergungen: Sie zeigen, ob sich ein Bauteil zerstörungsfrei ausbauen lässt und welcher Aufwand entsteht.
  • Zeit für die Vermarktung: Abnehmer brauchen Vorlauf. Projekte wie die Mercedes-Benz Arena zeigen, dass eine eigene Vermarktungsphase den Anteil vermittelter Bauteile erhöht.
  • Digitale Dokumentation: Fotos, Maße und Materialangaben machen Bauteile für Käufer bewertbar.
  • Sortenreine Trennung des Rests: Was nicht wiederverwendet wird, sollte so getrennt werden, dass hochwertiges Recycling möglich bleibt.

So unterstützt Concular bei Reuse und Recycling

Concular begleitet Bauherren und Bestandshalter von der Bestandserfassung über Probebergungen bis zur Vermittlung der Bauteile. Erfasste Materialien werden mit Materialpässen digital dokumentiert und über die Concular Plattform und den Online-Shop an neue Nutzer vermittelt. Was nicht wiederverwendet werden kann, wird sortenrein getrennt und als Sekundärmaterial in Recyclingkreisläufe zurückgeführt.

Sie planen einen Rückbau oder Umbau und möchten wissen, welche Bauteile sich wiederverwenden oder hochwertig recyceln lassen? Sprechen Sie uns an.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Reuse und Recycling von Baumaterialien?

Beim Reuse wird ein Bauteil als Ganzes in gleicher oder ähnlicher Funktion erneut eingebaut, etwa eine Tür oder ein Heizkörper. Beim Recycling wird das Material zerkleinert und zu einem Sekundärrohstoff aufbereitet, zum Beispiel Betonbruch zu Gesteinskörnung. Reuse hat nach dem Kreislaufwirtschaftsgesetz Vorrang.

Welche Bauteile lassen sich gut wiederverwenden?

Gut geeignet sind Bauteile, die sich zerstörungsfrei ausbauen lassen und standardisiert sind: Türen, Treppen, Stahlträger, Leuchten, Heizkörper, Sanitärobjekte, Trennwände und Doppelböden. Voraussetzung ist ein guter Zustand und eine Nachfrage am Markt.

Was passiert mit Bauschutt beim Recycling?

Bauschutt wird in Aufbereitungsanlagen gebrochen, gesiebt und von Störstoffen befreit. Die entstehenden Recycling-Baustoffe werden überwiegend im Straßen- und Erdbau eingesetzt, sortenreiner Betonbruch auch als Gesteinskörnung in Recycling-Beton.

Kann man Gipskartonplatten recyceln?

Ja. Getrennt gesammelte Gipskartonplatten werden aufbereitet, der gewonnene Recyclinggips fließt wieder in die Produktion neuer Platten. 2024 entstanden in Deutschland nach Verbandsangaben rund 128.500 Tonnen Recyclinggips.

Darf alte Mineralwolle wiederverwendet werden?

Nein. Mineralwolle, die vor 1996 hergestellt wurde, gilt als krebserzeugend und als gefährlicher Abfall. Sie darf nicht wieder eingebaut werden und muss fachgerecht ausgebaut und entsorgt werden.